Leseprobe: Der Pfad der Seelen

Viel zu lange hatte ich mit meiner Yacht in dem kleinen Hafen gelegen, viel zu lange das fröhliche Leben und Treiben rund um diese herrlich grüne Bucht genossen, hatte mich erholt von den Strapazen meiner jetzt fast zweijährigen Weltreise im Segelboot. Ich konnte mich noch genau erinnern, an den Moment als ich um die weit ins Meer sich erstreckende Landzunge gesegelt war und dann die schmucken Fassaden der dem Hafen zugewandten Häuser in gelb, ocker, hellblau und strahlendem weiß gesehen hatte. Allein schon diese friedliche, freundliche Stimmung die von den Häusern und den Fischerbooten im Hafen ausging, die nun in der gleißenden Mittagssonne vor sich hin zu dösen schienen, hätte genügt um diesen Ort nie wieder verlassen zu wollen, doch wer einmal die Menschen hier kennen gelernt hat, dem fällt der Abschied noch viel schwerer.
Wie die Fassaden der schmalen Handelshäuser, die sich um den kleinen Hafen drängen, haben holländische Seefahrer und Kaufleute ihre Spuren auch bei den Menschen hinterlassen, ebenso wie die einst als Sklaven auf diese Insel gezwungenen, dunklen, großen und stolzen Menschen aus dem Herzen Afrikas und die kleineren Ureinwohner, deren kantige, spitze Gesichter nur noch selten zu sehen sind, die aber diesem fröhlichen, lauten Menschenschlag eine leicht herbe Note ins Gesicht gezaubert haben.
Wenn man durch die Straßen geht, über oft nur notdürftig geflicktes Kopfsteinpflaster aus der Kolonialzeit, vorbei an hohen schlanken Häusern, die sich um den wenigen ebenen Platz drängen, den die kleine Bucht entlang ihrer Küste zu bieten hat, vorbei auch an den bunten Tüchern und Wäschestücken, mit denen fast jedes Haus, ja eigentlich alle Fenster unfreiwillig geschmückt sind, dann lernt man diese Menschen kennen. Nicht nur, dass man immer auf der Hut sein muss, um den voll gepackten Fahrrädern, Karren und selbst Kinderwagen auszuweichen, nein, es wimmelt nur so von Kindern, fröhlichen Kindern, die ganz unzweifelhaft in eben jene bunte Wäsche gekleidet sind, die man gestern noch auf den Leinen entlang der schmalen Gassen bewundern konnte.
Selbstverständlich stehen die Erwachsenen ihnen in keiner Weise nach, was das fröhliche, laute Schwatzen und geschäftige Umhereilen angeht, es sei denn man kommt zur Mittagszeit, wenn alle sich in die Schatten der hohen Fassaden und unter selbstverständlich quietschbunte Markisen flüchten um dort bei frischem Obst und kühlen Getränken diese heiße Tageszeit zu verdösen. Hier, in wichtige Gespräche vertieft, eine Gruppe alter Männer, deren Gesten und Mimik erkennen lassen, dass wohl der allgegenwärtige Fischfang sie beschäftigt, dort einige Frauen, Ältere damit beschäftigt Socken zu stopfen oder ein buntes Kinderkleid für den sonntäglichen Kirchgang zu nähen, Jüngere die sich um eine Freundin scharen, die soeben ihr Neugeborenes aus einem kleinen geflochtenen Korb mit bunten Tüchern nimmt, voller Stolz herumzeigt und dann, kaum dass der Kleine zu schimpfen beginnt, diesen stillt.
Dann aber, nur kurze Zeit später und nun bis tief in die Nacht hinein füllen sich die Straßen mit quirligem Leben, Rufen und dem Geschrei fliegender Händler, kaum zu überbieten in ihrer unverschämten Wichtigtuerei und doch vorbildlich gute Schauspieler, die mit breitem Grinsen und vollster Überzeugung ihre Waren anpreisen und dann, auf den viel zu hohen Preis angesprochen, in tiefe Traurigkeit verfallen, ob der Dreistigkeit des Käufers, der offensichtlich sie und ihre ganze Familie in den Ruin zu treiben gedenkt.
Wenn dann abends aus allen Häusern der Duft von gebratenem Fisch und scharf gewürzten Gemüsen sich vermischt mit dem Qualm dunkler Zigarren und laute Musik aus allen Ecken ertönt, fröhliche, manchmal tanzende Menschen sich unter freiem Himmel drängen, Menschen denen man oft ansieht, dass sie den Genuss lieben, dann glaubt man, es sollte niemals mehr ein anderes Leben geben, als hier an diesem Ort und um diese Zeit.

Der Wind griff kraftvoll und stetig in die Segel, ganz so als wollte er mir den Abschied von Friends Island, diesem freundlichen Flecken Erde erleichtern und mich ermutigen, neuen Abenteuern entgegen zu segeln. Oder wollte er mich etwa einlullen, mir die falsche Hoffnung geben, dass ich trotz meiner Verspätung schnell und sicher seinen Verbündeten den weiten Ozean der vor mir lag, bezwingen könnte? Einen Ozean bezwingen? Ich war viel zu lange geblieben, wohl wissend, dass die Regenzeit näher rückte und als ich dann den Hafen verließ, meine eigenen Vorahnungen und die eindringlichen Warnungen der einheimischen Fischer buchstäblich in den Wind schlagend, da war ich ob des guten Wetters und der prall gefüllten Segel doch guter Dinge und freute mich auf einen schnellen, einfachen Törn von vielleicht zweieinhalb bis drei Wochen, wenn das Wetter mitspielte...

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